Theater der Vampire - Vampire Live Rollenspiel mit Nordic LARP Elementen -
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2013.10.05 - Rite de Passage: Bericht 8/13 - Siebers, J.

"I met a traveller from an antique land
Who said: Two vast and trunkless legs of stone
Stand in the desert. Near them, on the sand,
Half sunk, a shattered visage lies, whose frown,
And wrinkled lip, and sneer of cold command,
Tell that its sculptor well those passions read
Which yet survive, stamped on these lifeless things,
The hand that mocked them and the heart that fed:
And on the pedestal these words appear:
"My name is Ozymandias, king of kings:
Look on my works, ye Mighty, and despair!"
Nothing beside remains. Round the decay
Of that colossal wreck, boundless and bare
The lone and level sands stretch far away."
(Percy Bysshe Shelley)

Lawrence ließ den Schlüssel um seinen Finger kreisen; nicht schnell, fast bedächtig – bevor er ihn in den Tiefen seiner Westentasche verschwinden ließ. Er drehte die Beleuchtung etwas höher, um das Gewölbe in ein trübes, kränkliches Gelb zu tauchen, das an die Zeit blakender Gaslaternen gemahnte. Natürlich hätte er das Licht ganz aufdrehen können; aber das kalte Weiß der modernen, schnelllebigen, klinischen Welt stieß ihn ab. Er war dem Neuen nicht verschlossen, jedoch widerten ihn die Versuche der Sterblichen, alle Schatten aus ihrem Sein zu vertreiben, an. Als wolle man damit das Dunkel aus der eigenen Seele bannen. Aber was bleibt übrig ohne Schatten? Seelen- und konturlose Gebilde, belebt von einem Hamsterrad aus Pflichten, Verantwortung und demütiger Opferbereitschaft. Vieh, das auf seinen Schlachter wartet. Menschen, die er, Lawrence, gern mit einer in Zeitung gewickelten Portion Fish and Chips verglich, die man auf dem Bermondsey Market kauft, an der man seinen Hunger stillt und die man dann achtlos wegwirft. Natürlich war die Welt voll mit ihnen. Aber sie waren so schrecklich, schrecklich langweilig.

Er ließ seinen Blick durch den hohen Raum schweifen. Hier hatte er all das angesammelt, was für die oberen Räume zu exzentrisch, zu auffällig, zu geschmacklos – und in manchen Fällen zu kostbar war. Er schritt an einem der Regale entlang, dabei mit dem Finger sanft gegen die Schädel tippend, die dort aufgereiht lagen. Einen hatte er vor einiger Zeit aus Paris mitgebracht. Er war so sauber, als wäre er abgeschrubbt worden; aber das Alter und die zahllosen Berührungen geradezu kultischer Verehrer hatten ihn gesäubert und geglättet. "Lächerlicher kleiner Mann," dachte Lawrence bei sich. "Lächerlicher Froschfresser." Er tippte gegen den nächsten, an dem Haut wie trockenes Papyrus klebte. Das Kopfhaar und der Bart, soweit noch vorhanden, war im Laufe der Jahrzehnte ausgebleicht. Er versuchte, sich zu erinnern, wie der Vorbesitzer im Leben ausgesehen hatte. So lange her. Lawrence hatte den Kopf nach der Hinrichtung durch Bestechung aus Pentonville herausgekauft. "Verdammte Iren. Fanatiker, Verräter, Narren. Sodomiten. So wie Du, alter Knabe." Sein Gegenüber, die vertrocknete Zunge fest zwischen den Zähnen, schwieg.

Lawrence wandte sich abrupt ab und blickte in den Spiegel, der an der gegenüberliegenden Wand hang. Dort, zwischen der Aufreihung menschlicher, zum Grinsen verdammter Schädel, starrte ein bleiches Gesicht zurück, dass ihm so bekannt war und doch so fremd. War sein Gesicht nicht wie die Maske des nahenden Todes? Blutleer und grau, die Haare glanzlos und strähnig. Waren sie nicht lichter geworden? Waren seine Augen nicht eingesunken, seine Wangen nicht schlaff und fahl? Er fühlte sich müde, und sein Spiegelbild, das ihm sonst durchaus nicht unangenehm war, wirkte auf ihn wie Basil Hallwards Portrait Dorian Grays, als würde das Gift, das seine Seele verzehrte, seine Züge zeichnen.

Er riß sich von seiner Reflektion los und stellte den Gladstone-Koffer, den er in der Linken getragen hatte, auf einem altersgeschwärzten Refretoriumstisch ab, den er gemeinsam mit einer beträchtlichen Menge religiöser Schätze aus dem Haus einer erloschenen Vampirfamilie geholt hatte, und klappte ihn auf. Dann entnahm er ihm die steinernen Tafeln, die Nekhrun ihm vermacht hatte: Jene Tafeln, auf denen die Gesetze des Hofs der Nacht in Ruinen verzeichnet waren. Jene Tafeln, auf der er – nur eine Haaresbreite vom Ende seiner körperlichen Existenz entfernt – einst den Bluteid geschworen hatte. Isodor hätte ihn in jener Nacht lieber tot gesehen. Sophie forderte keifend sein Blut.

Er nahm die Tafeln vorsichtig aus der Tasche und platzierte sie auf einem Regal, das er extra freigeräumt hatte. Dann zog er eine alte, staubige Flasche Port aus einem Ständer, brach ihr den Hals und goss etwas von dem rubinroten, aromatischen Inhalt in ein aus Kristall geschliffenes Glas, welches er einem kleinen Barschrank unter dem Spiegel entnommen hatte. Mit dem gefüllten Glas prostete er spielerisch den Steinplatten zu, und dem gerahmten, handschriftlichen Dokument, das darüber hing und Magnus Übersetzung der Gesetze darstellte.

"Cheerio, Nekhrun," murmelte Lawrence dann, bevor er das Glas leerte, und für einen kurzen Augenblick sah es so aus, als würde das Bewusstsein eines echten Verlustes seine Züge verschleiern. Es wich so schnell, wie es gekommen war, und machte der üblichen reglosen Miene Platz, sogar einem dünnen, humorlosen Lächeln.

Wo waren sie nun, die Ältesten, die sich damals in ihrer Macht suhlten, in ihrer schieren Präsenz, in der Gewissheit, überlebt zu haben und ewig zu sein? Sophie von Kühn, Isidor und seine Gattin, Tschesar, Vicente. Jetzt Nekhrun. Zurückgezogen, tot, verbannt, vergangen. Vergessen manche von ihnen, zu Staub verweht wie manche ihrer Häuser. Asphyx gab es noch. Asphyx, und Sir Archibald Fox, der zweifellos hoffte, mit seinem vergleichsweise bescheidenen Erbe seine Macht am Hofe halten zu können. Lawrence schürzte die Lippen. Sir Archibald musste es beträchtlich wurmen, dass trotz seiner beträchtlichen Bemühungen, den Hof durch Kauf, Eheversprechen oder Drohung zu vereinnahmen, ihm nicht nur zunehmend der Ruf der Zauderers anhing, sondern er zusehen musste, wie es seither anderen – Lothringus, Ysadora – gelang, sich zu profilieren. Wie quälend musste es für ihn sein, jetzt auch noch Lawrence, den "Abweichler", in einer gestärkten, exaltierten Position zu sehen, als Sachwalter geradezu heiligen Besitzes – Gralshüter gewissermaßen. Gerade der letzte Gedanke schien Lawrence nicht unbeträchtlich zu erheitern.

Er stellte das Glas auf dem Refrektoriumstisch ab, beiläufig, neben die offene Flasche hundertjährigen Portweins. Sein Faktotum würde sich dessen annehmen. Er warf noch einen letzten Blick in die Runde – den Spiegel, die Schädel, die Präparate, die Steinplatten, und viele Dinge, die halb im Dunkel lagen, halb verborgen, lauernd, geheimnisvoll, böse. Er richtete sein Halstuch, zupfte die Hemdsärmel, klopfte sich einen kleinen Staubfleck von der Schulter und wandte sich zum Gehen. Morgen folgte eine neue Nacht, wenn Apophis im ewigen Kreislauf die Sonne verschlang, und sie dauerte an, bis Seth Apophis erschlug und die Sonne, befreit, das Himmelsgewölbe erneut erklimmen konnte. Eine neue Nacht, eine neue Gelegenheit. Lawrences Hand, die nach einem Spazierstock im Ständer griff, zögerte einen Moment – dann zog er einen Stock hervor, dessen Knauf ein silberner Schlangenkopf war, lächelte einen Augenblick und verließ das Gewölbe, begleitet vom rhythmischen "click-click" des Spazierstocks auf dem steinernen Boden.


(handschriftliche Anfügung):

Siebers,

soll das allen Ernstes ein Bericht sein? Wie kommen Sie auf die Idee, uns ein Dokument vorzulegen, dass zum weitaus größten Teil eine Fiktion ist? Wir wissen nicht, ob Selwyn so ein Gewölbe besitzt, was sich darin befindet und ob er die Tafeln dorthin gebracht hat. Das ist reine Spekulation.

Noch schlimmer sind Ihre "Einblicke" in Selwyns Gedankenwelt. Was haben Sie sich dabei gedacht? Unterlassen Sie künftig derartige Hirngespinste, aufgehübscht durch unerträgliches Pathos. So einen Schmarrn wollen wir nie wieder lesen. Wir wollen Fakten, Siebers, und nicht Ihre Heftroman-Schmierereien. Nüchtern Sie sich erstmal aus, und liefern Sie morgen was Nützliches ab.

Weil

2013.10.05 - Rite de Passage: Bericht 8/13 - Siebers, J.
Datum:   14.10.2013
Autor:   Lawrence
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Theater der Vampire - Vampire Live - von M. Schroeder
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