Theater der Vampire - Vampire Live Rollenspiel mit Nordic LARP Elementen -
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2014.12.30 - Blick zurück III.: Reconnaîssez l’avenir!

"Tick, tack. Tick, tack…", murmelte sie vor sich hin, während das Pendel in ihrer Hand hin und her schwang. Ihre Schritte knirschten leicht auf dem mit Staub und Geröll verdreckten Marmorboden. Es war lange her, dass sie zuletzt Fuß in diesen Hallen gesetzt hatte. Die zerbrochenen Säulen, die diese Hallen säumten, ragten wie stumme Mahnmale in die Dunkelheit.

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sich an die goldenen Zeiten dieser Tempelanlage zurück erinnerte. Spiele, Gebete, fröhliche Feste. Nichts davon war geblieben. Als die Menschen die Anlage verließen und sich anderen Dingen widmeten, verfiel die Anlage zusehends. Der Tod hatte Einzug gehalten. Stumm nickte sie und grüßte in Gedanken ihren alten Freund.

Ein Luftzug strich ihr über die Wange und spielte mit ihrem Kleid wie ein stiller Gruß. "Haben sie gelernt, mein Freund? Haben sie unsere Mahnung verstanden?" Sie wartete einen Augenblick ab und ging ein paar Schritte, das Pendel in der Hand schwingend. "Oh, richtig", schien sie zu antworten.

"Die Götter haben bereits gerichtet und gehandelt. Das sahen sie alle. Doch glaubst Du, sie haben verstanden? Werden sie sich fügen oder werden sie krampfhaft versuchen, einen Weg einzuschlagen, der ihnen nicht bestimmt ist?"

Sie kicherte leise vor sich hin. "Reineke und Gieremund wollen miteinander tanzen. Was glaubst Du, wer führt?" Der Wind wird etwas stärker und verwirbelt den Staub, der sich auf dem alten Gemäuer ein gemütliches Lager eingerichtet hatte. "Ja, ich denke, Du hast recht", nickt die rot gekleidete Gestalt.

"Und die andere Hochzeit?" Wieder lauschte sie in die Stille hinein. "Ich bin tatsächlich gespannt, was Du aus dem Schwert und den Flammen machst, mein Freund, auch wenn beide sich lange nicht haben blicken lassen. Vergiss nur die dritte Hochzeit nicht, auch wenn diese noch nicht ganz greifbar scheint." Sie zog mit dem Fuß eine Spur in den Staub. "Doch die vierte Hochzeit dürfte interessant werden. Der Antrag selbst war ja eher ungewöhnlich. Er wurde quasi im Beisein von Dir gemacht. Erinnerst Du Dich?"

Sie bückte sich und malte mit dem Finger ein Zeichen in den Staub. "Lange groß gewesen, dann fast zur Bedeutungslosigkeit verkommen und nun in neuem alten Glanz erstrahlt. Ein kluger Schachzug, den der Pharao gemacht hat. Und ich glaube, der Lilie war nicht bewusst, dass sich das Blatt so schnell wendet." Sie stand auf und blickte auf ihre Zeichnung. "Ach, die andere Lilie? Der Faden, der sie band, ist durchtrennt. Ich denke nicht, dass sie verblühen wird. Im Gegenteil. Der Schatten, der sie hielt, ist vergangen. Sie wächst und gedeiht. Ich denke, man darf noch einiges erwarten."

Sie hielt inne.

"Nein, der Pharao ist vergangen und seine Erben sind fort, haben andere Wege eingeschlagen. Ich meinte die Lilie, die aus sich selbst heraus erstarkt."

Nur das Knirschen unter ihren blauen Schuhen gab Laut. "O tempora, o mores...", antwortete sie. "Nein, ich denke, unsere Mahnung ist schon angekommen. Die Zeiten ändern sich, mein alter Freund. Und ich denke, Du wirst Deine Freude daran haben. Deine Zeit ist gekommen. Es ist an Dir, nun am Hofe tätig zu werden." Sie lauschte. "Nein, ich denke, es wird sich anders zeigen. Eine Posse... Du kennst den Wunsch, mein alter Freund."

Ein leiser Windhauch wehte durch die Ruinen, auf der Suche nach dem, was einst war. Sie lachte leise auf. "Nein, für Wehmut ist es zu spät. Du hast auch hier Dein Werk vollbracht. Aber es war gut und richtig. Es war an der Zeit. Wie auch jetzt die Zeit dafür gekommen bist. Ich bin gespannt, welches Spiel Du Dir dieses Mal ausgedacht hast."

Sie nahm das Pendel in ihre Handfläche und umschloss es fest. "Tick, tack…", flüsterte sie leise. Ein paar Schritte ging sie noch und blieb dann unverwandt stehen. Sie griff kurz zu der Kette, die sie um den Hals trug und umschloss das kleine Glasbehältnis. Die Steine, die sich darin befanden, stießen leise aneinander, als sie das Behältnis zwischen Daumen und Zeigefinger hielt und leicht hin und her bewegte. Sie bückte sich, hob etwas vom Boden auf, öffnete das Glasbehältnis und ließ einen kleinen blauen Kristall in das Glas fallen. Sie verschloss das Glas wieder mit dem Korken. "Ja, mein alter Freund, der Hof ist im Wandel. Du weißt, sein Zeichen steht über dem neuen Jahr. Und Du kennst ihn. Wenn er auftaucht, bleibt kaum etwas so, wie es war." Sie strich sich durchs Haar und der Wind spielte mit einer Strähne. "Bleib nur und siehe. Ich bin mir sicher, Du wirst Deine Freude daran haben."

Als sie ging war es, als würde der Wind sie umgeben und hier und da mit ihrem Kleid oder ihrem Haar spielen. Ein letztes Mal drehte sie sich um und sprach leise: "Meine Brüder, meine Schwestern, ich sah, ich erlebte und ich erkannte. Vor allem erkannte ich, dass nichts ist, wie es scheint. Wir werden sehen, was der Hof daraus macht, meine Geschwister. Wir werden sehen, wir werden erleben, wir werden erkennen."

2014.12.30 - Blick zurück III.: Reconnaîssez l’avenir!
Datum:   30.12.2014
Autor:   Badhril
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Theater der Vampire - Vampire Live - von M. Schroeder
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