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4. Akt: Fünf der Kelche - Eine kleine Geschichte über die Einsamkeit
06.06.2004 - 00:34

Werte Leserin, werter Leser,

i
ch weiß nicht ob Sie meine folgende Episode nachempfinden können, ob Sie sich jemals so einsam gefühlt haben, dass Sie sich fragten, weshalb Sie überhaupt existierten.
WIR jedenfalls empfinden oftmals so, sehr viele von UNS, und auch ich gehöre zu den Geschöpfen, die die Melancholie mit Vehemenz heimsucht.

Ich sprach mit meinem geliebten Gabriel, ja, genau jenem Sterblichen, den ich erwählte, an den ich mein Herz verloren hatte, und ich war auch bester Dinge, bis ich ihn um eine Verabredung am folgenden Wochenende bat...

"Ich kann nicht!" antwortete er, "ich bin auf eine Party eingeladen, du verstehst?!"

Ja, ich verstand... das bedeutete, dass ich viel Zeit für mich hatte, um es einmal in positive Worte zu fassen.

Aber was tut jemand mit zusätzlicher Zeit, der sowieso schon die Ewigkeit hat, frage ich Sie?

Ich spürte, wie meine Stimme langsam brach, da ich mit den Tränen kämpfte und beendete das Gespräch so schnell als möglich.

Danach ließ ich meiner Enttäuschung freien Lauf.
Gabriel war alles was ich hatte hier ... ich liebte ihn über alles und wenn er nicht da war, fühlte ich mich wie ein verlassenes Kind, einsam, allein...

Ich bemühte mich immer sehr, mir nichts davon anmerken zu lassen, denn ich wollte weder, dass er sich Sorgen um mich macht, noch dass man meine Reaktion darauf als Übertreibung deutete, schließlich war es bloß eine Party...

Dennoch hatte Gabriel keine Ahnung, wie ich mich tatsächlich fühlte...

Diese große Stadt, in die ich gezogen war, sie war voller Menschen und trotz allem kalt und leer für mich.

Sie war mir so kalt und fremd, dass ich mir nicht einmal die Mühe machte, sie näher kennen zu lernen, ich wohnte nun schon fast ein halbes Jahr hier und kannte mich immer noch nicht aus.

Es gab hier nichts von Interesse für mich, keine Wälder, keine Ruhe, keine anderen MEINER Art, zumindest war ich noch nie jemandem begegnet, bloß Beton und hektische, nervöse Menschen, die sich lieber zankten als sich zu helfen... ich vermisste mein Haus auf dem Land, das ich verkauft hatte.
Und so wurde Gabriel mein Erwählter, mein Geliebter und mein einziger Vertrauter.

Nachdem ich mich beruhigt hatte, ging ich aus, um zu trinken, oder war es doch eher, um nicht gefangen zu sein in dieser kleinen Wohnung?

Ich lief direkt in das Bahnhofsviertel, in dem sich immer genügend Menschen befanden, denen ich Leid zufügen konnten, weil sie es meiner Ansicht nach verdienten oder die ich von ihrem Leid erlösen konnte.

Mit Absicht suchte ich nach einem Menschen, der genug von irgend einem Rauschmittel in seinem Blut hatte, dass ER MICH von meinem Leid erlösen konnte.
Es dauerte nicht sehr lange, bis ich jemanden fand, der mich tatsächlich von meiner Traurigkeit befreite, ich weiß nicht, was diese jungen Menschen heutzutage alles zu sich nahmen, aber dieser Junge hatte etwas in seinem Blut, das mich ruhig und gleichgültig werden ließ.

Ich fühlte mich wie trunken und war nun ein wenig gangunsicher, aber es war mir gleichgültig, ebenso gleichgültig, wie die Männer, die mir hinterher sahen oder die Huren, die mich anschrieen, ich solle hier verschwinden...

Ich wollte nun bloß noch nach Hause, aber wo war das?

Einmal abgesehen davon, dass ich orientierungslos war, war mein zu Haus nicht in dieser Stadt, nicht ohne Gabriel.....


Camilla


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