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8. Akt: Die Liebenden - Auf ewig vereint
13.09.2004 - 11:20

Die Nacht war klar und noch recht warm für diese Jahreszeit.

Der verblichene Sommer stand in seinen letzten Tagen, bevor er sein Zepter dem Herbst überlassen würde.

Hierher hatte er mich bestellt. Zu dieser späten Stunde. An den See mit den Trauerweiden. Es war so still. Der schwarze Himmel war durchbrochen von den vielen kleinen Sternen, und beherrscht von dem majestätischen Vollmond der fahl und groß über dem Wasser thronte. Der See lag glatt und ruhig da, wie ein Spiegel. Es hatte den Anschein, dass man ihn überqueren und vom anderen Ufer aus die soeben entstandenen Fußabdrücke betrachten könne. Dieser Gedanke brachte mich zum Lächeln. Ich war so verträumt. Doch wo war er nun?

Vielleicht wollte er, dass ich die Umgebung auf mich wirken lasse. Er wusste wie schwach mich dieser Anblick machte. Diese nächtliche Schönheit würde für immer unvergessen bleiben. Also stand ich da und genoss das unwirklich schöne Bild. Ich trug das rote schulterfreie Ballkleid, welches er mir geschenkt hat und meine Haare waren zu einem kunstvollen Knoten gesteckt.

Hoffentlich würde ich ihm gefallen. Ich spürte seinen Atem in meinem Nacken. Er musste getrunken haben, doch sein Atem begann schon zu erkalten. Langsam und mit geschlossenen Augen drehte ich mich um. Als ich sie öffnete war sein Gesicht ganz nah bei meinem. Ich schaute in seine kalten blauen Augen und sah darin sein vertrautes Funkeln. Es war noch nie so deutlich gewesen wie in diesem Augenblick. Ich hätte bei unseren Gesprächen regelmäßig in den Spiegeln seiner Seele versinken können, ohne jemals wieder aufzutauchen. Seine Augen machten mich schwach, schwächer als es die schönste Nacht je könnte. Er strich mir langsam mit den Händen übers Gesicht, über meine Ohren hinweg zum Knoten an meinem Hinterkopf und öffnete diesen mit einem Handgriff. Aschblonde Haare fielen meine Schultern hinab und einige fanden den Weg in mein Gesicht. Mit einer sanften Behutsamkeit strich er mir die Locken aus dem Gesicht und streichelte mit den Fingern meinen Hals hinunter. „Du bist wunderschön“ seine dunkle weiche Stimme klang ruhig und besonnen, wie immer. Meine Lippen öffneten sich leicht, doch ich sagte nichts. Ich schaute ihn nur unentwegt an.

Seine Hände glitten langsam und sanft meinen Rücken hinter. Erst über meine nackte, weißschimmernde Haut, dann über den leichten roten Stoff der meinen Körper umgab. Sie streiften meine Schulterblätter, meine Taille, machten dann halt und legten sich an meine Hüfte. Mit einem festen Ruck zog er mich näher an sich. Kein Hauch Platz war noch zwischen unseren Körpern. Wie von selbst umschlossen meine Arme seinen Oberkörper und mein Kopf versank an seiner Brust. Ich merkte wie seine Arme mich ebenfalls fest umschlossen und sein Kopf sich an den meinen lehnte. Er roch so unglaublich gut, ich werde diesen Duft niemals vergessen. Nichts war in diesem Augenblick von Wichtigkeit. Es gab nur ihn und mich – bis in alle Ewigkeit. Ich weiß nicht mehr wie lange wir da standen, regungslos, nicht in der Lage auch nur ein Stück von einander zu weichen, unwillig vom Körper des anderen abzulassen.

Langsam fing er an mit den Händen meinen Rücken entlang zu fahren, ebenso leicht und kaum merklich wie zuvor. Seine Finger bewegten sich meinem Nacken hinauf, langsam und zart, dort angekommen wieder hinunter. Der Stoff wurde zur Seite geschoben und seine Fingerspitzen glitten unmerklich darunter. Sie zeichneten, einem Künstler gleich, die Konturen meiner Schulterblätter nach. Oh, wie ich jede Bewegung genoss! Mein Atem wurde schwerer. Derart ermuntert lies er den Druck seiner Finger fester werden. Seine Lippen fanden meinen Hals. Nun grub auch ich meine Hände tiefer in sein Fleisch. Ich spürte seine weichen, leicht kalten Lippen auf meinem Hals, meinem Nacken, meinem Schultern.

„Du bist nun so weit“ Ich antwortete nicht. „Heute Nacht erhältst du das Geschenk der Ewigkeit. Du sollst die einzige sein, die mein Blut trägt, meine Liebste...“ seine Worte klangen irgendwie bedächtig, seine Stimme zitterte ein wenig, doch während dessen ließ er nicht von meinem Hals ab. Es war ihm unendlich wichtig, ich war ihm unendlich wichtig. Sonst würde er niemals diesen Bund für die Ewigkeit schliessen. Ich würde ihm gehören, bis nichts mehr ist, und auch darüber hinaus.

„Ich gehöre zu Euch, bei Tag oder Nacht. Soll meine Nacht nun ewig werden, bin ich dafür bereit.“ Ich spürte in diesem Augenblick wie sich seine Zähne tief in meinen Nacken bohrten, ein kleiner, doch so unglaublich köstlicher Schmerz. Mein Herz schien auszusetzen und meine Sinne verschwamen, wie in einem Traum. Es war ein wunderbares ekstatisches Gefühl und ich wünschte mir es würde ewig anhalten. Meine Augen waren weit aufgerissen und ich sah, wie sich der See und der Himmel zu drehen begannen. Mein Herz wurde schwächer. Die Konturen meiner Umgebung verschwanden langsam, es schien mir, als schaute ich durch eine vereiste Scheibe, und der Raureif würde sich immer weiter ausbreiten. Doch das war bedeutungslos. Alles war bedeutungslos, außer dem Gefühl und dem flatternden Schlag meines Herzens. Eine seltsame Kälte breitete sich in meinem Körper aus, ich spürte, wie sich mein Griff von meinem Geliebten zu lösen begann, wie die Kraft aus meinem Körper wich. Das Leben rann durch meine Adern und würde nun den seinen gehören. So fühlt sich also das Sterben an, wunderschön.

Ich merkte nicht, wie meine Knie zusammensackten, nicht wie jede Spannung aus meinem Körper wich, ich spürte nur noch wie jeder einzelne Tropfen Blut den ich in mir hatte mich verließ und die Kälte die meinen Körper Stück für Stück mehr beherrschte. Würde er mich nicht festgehalten haben, wäre ich zusammengebrochen, doch er tat es. Das Letzte woran ich mich erinnere bevor ich mein Bewusstsein verlor, ist sein Geruch und der süße Schmerz in meinem Nacken... Das nächste was folgte war Blut, welches in meinen Mund rann. Ich lag nun auf dem Boden und hatte den süßlichen Geruch von Blut in der Nase und die warme Flüssigkeit im Mund. Etwas hatte sich verändert - ich hatte mich verändert. Das Elixier des Lebens löste ein scheinbar unstillbares Verlangen in mir aus. Ich griff instinktiv in die Luft, fasste dabei seinen Unterarm und rammte meine Zähne hinein. Ich trank, trank, so gierig, wie ich noch niemals zuvor getrunken hatte, doch nach viel zu kurzer Zeit riss er seinen Arm von mir los. „Du hast genug“. Doch das hatte ich nicht. Genug? Niemals könnte es genug sein.

Selbstverständlich wusste er darum und zeigte mit dem Finger auf einen Baum in einiger Entfernung. Zwei scheinbar ohnmächtige Gestalten lagen darunter. Dies war ihre letzte und es war auch meine letzte Nacht, als das Wesen was ich bis dahin gewesen war. Nun bin ich wiedergeboren, nun wandele ich in der ewigen Dunkelheit, doch ich bin nicht alleine. Der Bund wurde besiegelt, der Kreis hatte sich geschlossen, durch diesen letzten Kuss, der auch ein Erster war...


Edyta


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