Chroniken » Chroniken VII. - Die Zeit des Siegels: Berichte und Erlebnisse vom Hof der Nacht im Jahre 2010
2010.11.06 - Fallende Schleier: Nocturnus alea
16.11.2010 - 16:33

Sie barg es in der Hand, es hatte scharfe Kanten, den Schnitt des Metalls spürte sie nicht. Sie hatte sich mit einer Ausrede entschuldigt und die heitere Gesellschaft alleine gelassen. Ihr Blick war immer noch verträumt, richtete sich in unruhigen Kreisen hoch ans Firmament.

Es war Vollmond.

Wie schön würde es glitzern in dieser Nacht.

Ihre offenen Haare verfingen sich, in den rauen dichten Ästen des nächtlichen Waldes, ließen sie noch wilder in alle Himmelsrichtungen abstehen.
Sie löste ihr Kleid, sie hatte das Gefühl einen kleinen Vogel in ihrer Brust befreien zu müssen. Doch hätte jemand lauschend sein Ohr daran gelegt, so hätte er nur finstere Stille vernommen.

War die Erinnerung an das Leben noch so stark? War das Ziehen und Zerren an ihrem Geist etwa eine Art Phantomschmerzen, wie von etwas das man ihr abgetrennt hatte?

Als sie die Augen schloss, konnte sie immer noch die Umrisse des Mondes sehen, der sich wie ein Lichtkegel auf Ihre Netzhaut gebrannt hatte aber da war noch etwas anderes...

Eine hochgewachsene Gestalt, die vorwurfsvoll auf sie herabblickte, blondes Haar das strähnig in ein verzerrtes Gesicht fiel, Lippen die sich klaffend auf und zu bewegten und Worte die geflüstert, in einem nestelnden Ton, an ihr Ohr drangen.

"Bald, ist es soweit, lass die Spielchen sein, Du kannst Dich nicht verstecken."

Diese Vision kam so überraschend, dass sie sich von ihren Ohren tief in ihre Eingeweide fraß und dort wie ein wildes Tier zu wüten begann.
Sie sank auf die Knie und ein unterdrückter Wutschrei stieg ihr die Kehle hinauf, bis er aus ihren Lippen barst. Sie warf das Kleinod in wilder Panik von sich und begann an dem kleinen Säckchen, an ihrer linken Hand zu nesteln.

Als sie es endlich geöffnet hatte, und sie das klackende Geräusch von aneinander reibenden Körpern vernahm, wurde sie wieder ruhiger, das Knirschen und klackern, das Kling und Klang vertrieb die Stimme aus ihrem Kopf. Sie hatte sie ganz nah an ihr Ohr geführt.

So verging eine Weile, bis sie wieder die Augen öffnete.

Sie brauchte nicht lange um das Kleinod zu finden und wieder einzusammeln. Sie fluchte innerlich über sich selbst, dass das Bild von IHM sie immer noch so aus der Bahn warf. Sie brauchte nicht lange um sich aus dem Laub des Waldes zu erheben, doch sie würde lange brauchen um diese Nacht zu vergessen.

Sie wand sich vom Mond ab und ging zielstrebig zu einer ganz bestimmten Stelle im Wald, leises Klirren war zu vernehmen. Sie nahm eine lange Strähne aus einer kleinen Tasche, die an der Innenseite ihres Oberschenkels befestigt war. Sie zwirbelte das blonde Haar und befestigte es an einem Zweig, knapp über ihrem Kopf. Der rote Stein des Ohrrings fing sofort das Mondlicht ein und warf einen glühenden Schatten auf ihr Gesicht. Als sie fertig war, legte sie sich unter das kleine Mobile und sah dem Treiben im Wind zu. Die Bewegung der einzelnen Elemente erinnerte sie an den Ball, an die festlich gekleideten Tänzer die sich im Walzer wiegten.

Lavendelgeruch immer noch in ihrer Nase. Dunkle Augen hinter einer Maske aus Schweigen.


Fey


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